Pl?tzlich vibrierte die Uhr von Rochelle. Sie lie? Charles’ Gesicht los, bet?tigte den Ausschaltknopf an der Seite und schloss die Kabine auf. Mit schnellen Schritten ging sie in Richtung des Ausgangs. Mit einem Blick nach links und rechts verkündete sie: ?Die Zeit ist um. Der Spieleabend ist gleich zu Ende. Ich verlasse zuerst die Toilette und du kommst in ein paar Minuten nach!“
Sie blickte kurz zu Charles.
?Ich hoffe, dies war ein guter Ersatz für den geplatzten Spieleabend. Erwarte aber nicht, dass dies zur Gewohnheit wird! Innerhalb des Hofes sollten wir am besten gar nicht miteinander sprechen. Wenn ich dir etwas Wichtiges sagen muss, dann mache ich dieses Zeichen.“
Rochelle verschr?nkte die Arme und klopfte mit ihrem Zeigefinger dreimal auf den linken Arm.
?Wenn du das siehst, dann gehst du in zehn Minuten auf die Jungentoilette und achtest darauf, dass dir niemand folgt! Eine Sache ist noch ganz wichtig: Falls deine Magiekr?fte bereits erwacht sind, dann halte deine Affinit?t um jeden Preis geheim! Wenn Maya davon erf?hrt, dann wird deine Wahrscheinlichkeit, sie zu besiegen, auf null sinken.“
Mit diesen Worten verschwand sie.
Meine Affinit?t geheim halten? Das hatte ich eh vor. So unkontrollierbar, wie sie anscheinend sind, w?re nichts schlimmer, als wenn ich meine magischen Kr?fte preisgeben oder gar einsetzen müsste.
Am n?chsten Morgen dachte Charles auf dem Weg zur Cafeteria erneut über das Gespr?ch mit Rochelle nach. Damit sie sich ihm anschloss, musste er mindestens eins der anderen Kinder auf seine Seite ziehen. In der Nacht hatte sich Charles deshalb einen ungef?hren Plan gemacht, um dies zu erreichen.
Aber bei wem habe ich wohl die besten Chancen? Caleb ist offensichtlich die schlechteste Wahl. Nach dem Ereignis auf der Krankenstation wird er mir gegenüber vorsichtiger sein. Valentin hat bereits klargemacht, dass er nichts unternehmen wird, und Rochelle h?lt sich im Hintergrund, bis ich mich als nützlich erwiesen habe. Dann bleibt also nur noch Amadeus.
Auf einmal kam ihm die Bibel in den Sinn, welche Amadeus immer bei sich trug.
Mhm … Das k?nnte funktionieren.
Nachdem Charles die Cafeteria betreten hatte, griff er sich Besteck und eine Schüssel und ging zur Essensausgabe, um Zerealien zu holen. Das Frühstück war gr??tenteils Selbstbedienung für die ?lteren Kinder. Nur die Jüngeren bekamen Hilfe beim Einschenken der Frühstücksflocken und der dazugeh?rigen Milch. Jedoch hatte Charles einen sehr eigensinnigen Geschmack und schenkte sich statt Milch lieber Apfelsaft ein. Der fruchtige Geschmack unterstützte die zuckrigen Cornflakes noch viel mehr und lie? ein simples Frühstück zu einem halben Festmahl für ihn werden.
Au?erdem erinnert mich das an früher.
Vor seinem inneren Auge spielte sich eine vertraute Frühstücksszene ab. Charles sah seine Mutter in der Küche stehen. Mit langen braunen Haaren und wei?em Pullover stand sie in einer Sonnenblumenschürze am Herd. Sein Vater, der gerade dabei war, den Tisch zu decken, streichelte ihm im Vorbeigehen über den Kopf. Kaum hatte Charles sich gesetzt, bemerkte er, wie seine Eltern innegehalten hatten und ihn liebevoll anschauten. Dies zauberte Charles ein L?cheln ins Gesicht und seine Brust wurde ganz warm. Das war sein Leben. Ein Leben, in das er nie wieder zurückkehren konnte. Schnell zwang sich Charles dazu, den Fokus zurückzugewinnen.
Nicht jetzt, du Idiot! Du hast eine Mission. Konzentriere dich!
Er atmete tief ein und ging mit gro?en Schritten zum bekannten Stammtisch der Freundesgruppe, an welchem sich bereits alle Jungen versammelt hatten. Der flüchtige Blick, den Valentin ihm zuwarf, verriet Charles, dass dieser etwas sagen wollte. Der Mund von Valentin ?ffnete sich einen Spalt, bevor er ihn wieder schloss und sich abwandte. Anscheinend hatte Caleb schon erz?hlt, was sich auf der Krankenstation ereignet hatte.
Scheint so, als w?re Valentin sehr entt?uscht von mir. Ich kann es ihm auch nicht verübeln, um ehrlich zu sein. Schlie?lich habe ich seine Warnung einfach in den Wind geschlagen.
Seine Augen verharrten kurzzeitig auf Valentin.
Ich werde das wieder gutmachen. Ganz bestimmt!
Gleich darauf widmete sich Charles den anderen Jungen. Zu seiner überraschung l?chelte Caleb ihn an, als w?re nichts vorgefallen.
Sowas … ich h?tte erwartet, dass er mir gegenüber jetzt skeptischer wird, aber er wirkt keinen Deut anders als sonst. Macht vermutlich auch Sinn. Schlie?lich hat Maya ihm h?chstwahrscheinlich befohlen, auf die Krankenstation zu gehen, um meinen Plan zu durchkreuzen. Zwischen uns beiden scheint ansonsten alles okay zu sein.
?Was geht, Leute?“, fragte Charles nach kurzem Z?gern.
Wie üblich antwortete Caleb mit ?Essen fassen“ und widmete sich wieder seinem Teller. Aus dem Augenwinkel bemerkte Charles die Bibel von Amadeus und setzte sich daraufhin direkt neben ihn.
?Hey, Amadeus. Du hast mir ja angeboten, dass ich mir deine Bibel mal ausleihen k?nnte, oder?“
Blitzschnell drehte Amadeus den Kopf zu ihm. Seine Augen funkelten regelrecht und er fragte, ob Charles sich auch für Gottes Wort interessiere. Ohne auf eine Antwort zu warten, erg?nzte der Bibelfreund: ?Natürlich leihe ich sie dir aus. Ich hoffe, dass sie dir genauso sehr weiterhelfen wird wie mir.“
Mit einer schnellen Armbewegung griff er nach der Bibel und legte sie in die H?nde von Charles, der unter dem Gewicht des Buches etwas zusammensackte.
Den W?lzer tr?gt der immer mit sich rum? Ich sch?tze, der Glaube kann wirklich Berge versetzen.
Wie ein Brunnen sprudelten die Worte f?rmlich aus Amadeus, als er mit Charles über die Bibel redete und ihn bat, seine Lieblingspassagen aufzuschreiben, damit sie sp?ter darüber diskutieren konnten. Zudem bl?ute er ihm immer wieder ein, mit ?u?erster Sorgfalt auf das Buch zu achten, bis Charles ihn bremsen musste.
?Ja, ich wei? schon! Ich pass gut darauf auf, versprochen.“
Nach einem tiefen Atemzug stand Charles auf, grinste breit und verkündete: ?So, da ich jetzt der Neue in dieser Freundesgruppe bin, würde ich euch alle gerne besser kennenlernen. Wie w?re ein Grillabend in der Geheimbasis? Ich stelle mir ein gemütliches Lagerfeuer am Fluss vor. Wir k?nnten umgefallene B?ume als Sitzb?nke nutzen und eine riesige Menge Fleisch verdrücken, welche wir hier nur selten zu sehen bekommen. Sch?ne, saftige Steaks und Bratwürste. Wir k?nnten sogar noch ein Curry dazu machen, sofern wir das eklige Gemüse weglassen. Was haltet ihr davon?“
Bevor einer der Jungen antworten konnte, ert?nte eine weibliche Stimme hinter Charles.
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?Das ist wirklich eine gro?artige Idee, mein lieber Charlie!“
Prompt guckte Charles zur Seite sah sich pl?tzlich Maya gegenüber, die ihn mit einem Tablett in den H?nden und gesenkten Lidern anl?chelte.
Kurz davor, das Gesicht zu verziehen, bemerkte er Rochelle, die rechts hinter Maya stand. Mit ihren Pupillen deutete sie wiederholt auf Maya, was Charles signalisierte, sich zu beherrschen.
?Da seid ihr ja endlich. Warum brauchen M?dchen morgens eigentlich immer so lange?“, fragte Valentin.
?Dann stell du dich mal am Morgen an der Schlange zur M?dchentoilette an! Mal sehen, ob du dann immer noch solche doofen Fragen stellst“, erwiderte Rochelle.
Sie wandte sich zu Charles: ?Ich finde deinen Vorschlag übrigens auch gut.“
Maya dr?ngte sich zwischen ihn und Amadeus auf die Bank, woraufhin Rochelle gegenüber von Charles Platz nahm.
Auch Amadeus nickte. Sogleich warf Caleb eine Frage in den Raum: ?Klingt zwar echt cool, aber wo kriegen wir das Fleisch her?“
?Ich kann euch das Fleisch besorgen. In der Stadt habe ich so meine Quellen“, meldete sich Maya.
Mit strahlendem Gesicht sah Caleb sie an.
?Wie von dir zu erwarten war. Auf dich k?nnen wir z?hlen.“
Hab ich mich gerade verh?rt? Ihr vertraut Maya einfach so die Beschaffung der Lebensmittel an? Seid ihr bescheuert? Was ist, wenn sie das Essen vergiftet?
Hilfesuchend sah Charles zu Valentin, doch dieser schien ihm immer noch auszuweichen.
Da er keine andere Wahl hatte, ergriff Charles nun das Wort: ?Ach, mach dir doch nicht so einen Aufwand! Wir nehmen uns einfach etwas aus der Küche.“
Bei diesen Worten zog sich Mayas Mundwinkel nach oben. Sie schob das Tablett beiseite, strich beil?ufig eine Str?hne hinter ihr Ohr und nutzte den freigewordenen Platz, um sich mit den Ellenbogen auf den Tisch zu stützen. W?hrend sie mit den Fingern auf das Tablett tippte, lie? sie ihr Kinn auf den Handrücken ruhen und beugte sich ein Stück n?her zu Charles. Einen Moment lang schaute sie ihm tief in die Augen.
?Sagen wir es mal so: Aufgrund von bedauerlichen Unf?llen in der Vergangenheit sind die Sicherheitsma?nahmen in der Küche in Bezug aufs Essen leider gestiegen. So einfach kannst du dir nicht mal eben Essen abzweigen, ohne dass es den Erziehern recht schnell auff?llt. Es würde sofort eine Durchsuchung gestartet werden und wir bek?men eine saftige Strafe statt eines Steaks.“
Und wessen Schuld ist das wohl?
Mit all seiner mentalen St?rke versuchte Charles, seine Wut runterzuschlucken und ruhig zu bleiben. Allerdings konnte er ein flüchtiges Zittern seiner Lippe nicht verhindern, was Maya direkt bemerkte.
?Keine Sorge, Charlie! Ich besorge uns schon das Fleisch. Jedoch ist es niedlich, zu sehen, wie engagiert du bist.“
?Jep, das ist wirklich gutes Engagument von dir, Charlie“, sagte Caleb.
Der immer noch schmollende Valentin wollte gerade ansetzen, um diesen Satz zu korrigieren, allerdings kam ihm Charles zuvor: ?Du meinst sicher Engagement, Caleb.“
Schlagartig blickte Valentin zu Charles, der ihn nur angrinste. Daraufhin verga? er seinen ?rger und beteiligte sich auch an der Konversation.
?Okay, dann ist es also beschlossene Sache. Wir machen alle zusammen morgen Abend eine Grillparty in der Geheimbasis.“
Die Kinder steckten ihre K?pfe zusammen, planten alles und beendeten dann gemeinsam ihr Frühstück. Danach teilten sie sich auf, um in ihre jeweiligen Klassenr?ume zu gehen.
Von der Eingangshalle aus befand sich die Cafeteria links und die Klassenr?ume auf der rechten Seite des Ganges. Genau wie bei den Schlafzimmern wurden hier mehrere Altersgruppen zusammen unterrichtet. Punkt neun Uhr fing t?glich der Unterricht an. Die Augen von Charles verengten sich leicht, als er dabei zusah, wie Maya auf das Klassenzimmer der Dreizehn- bis Sechzehnj?hrigen zusteuerte.
Als ob ich dich das Fleisch alleine besorgen lasse. Ich habe dich auf jeden Fall im Auge!
Aus heiterem Himmel drehte sich Maya um. Ihr Mundwinkel wanderte leicht nach oben und sie zwinkerte Charles zu.
Kann sie etwa meine Gedanken lesen? Echt unheimlich!
Ohne eine Miene zu verziehen, machte er sich auf den Weg zum Unterricht.
Am Eingang des Klassenzimmers blieb Charles stehen und lie? den Blick durch den Raum schweifen.
Irgendwo muss doch ein freier Sitz…
?Hier drüben, Charles. Ich habe dir extra einen Platz freigehalten“, rief Amadeus, der gar nicht mehr aufh?ren wollte, ihm zuzuwinken.
Seit ich ihn nach der Bibel gefragt habe, ist er mir gegenüber viel offener geworden. Tja, ich kann’s ihm nicht verdenken. Leute mit ?hnlichen Interessen sind einem halt sympathisch.
Seine Lippen formten ein schmales Grinsen, w?hrend Charles’ Gesicht finster blieb.
Und schlie?lich ist das auch Teil meines Plans.
Er setzte sich neben Amadeus und begutachtete die Tische. Diese hatten an der Unterseite ein ger?umiges Fach, in welchem sich die Bücher der Kinder für die verschiedenen Unterrichtsf?cher befanden. ?Affinit?tslehre“, ?Manakontrolle für Anf?nger“, ?Die magische Welt der Mathematik“, ?Zauberhafte Sprachen“ und so weiter. Tats?chlich wurden hier im Waisenhaus fast dieselben F?cher wie an einer richtigen Schule unterrichtet. Kaum hatte sich Charles einen überblick verschafft und den Affinit?tslehrband Nummer I auf seinen Tisch gelegt, betrat auch schon der Dozent den Raum.
?Guten Morgen, Kinder. Ich hei?e euch recht herzlich willkommen zum Unterrichtsfach Affinit?tslehre. Mein Name ist Herr Alatar. Das erw?hne ich heute extra, weil wir einen Neuzugang bei uns begrü?en dürfen. Charles, bitte steh auf und stell dich der Klasse vor!“
Au weia, damit habe ich nun absolut gar nicht gerechnet.
Für eine Weile starrte Charles wortlos auf seine Mitschüler, bevor er neben sich zu Amadeus blickte. Dieser grinste ihn jedoch nur an und streckte seine Daumen nach oben. Charles legte die Stirn in Falten und schaute gleich wieder weg. Mit gezwungenem L?cheln stand er auf und begann, zur Klasse zu sprechen: ??hm … also, wie gerade eben erw?hnt, bin ich euer neuer Mitschüler, Charles Libertus Fran?ois. Ich bin zw?lf Jahre alt und lese gerne. Falls ihr Fragen habt, dann fragt einfach.“
Ein Junge aus der hinteren Reihe fragte: ?Sag mal, Charles, sind deine Magiekr?fte bereits erwacht?“
Das falsche L?cheln verschwand sofort aus Charles’ Gesicht und stattdessen wurde er kreidebleich.
Verdammter Mist! Die Frage hatte ich echt nicht erwartet … Damit ist der schlimmstm?gliche Fall eingetreten. Was mache ich denn jetzt blo??

